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Siegener Sommer Festival (10.6-6.8.1994)
Schlappe 11 Grad, aber tolle Musik
Folkband "Flairck" mit feingesponnenen Klangteppichen


       Siegen. Hundertiausende skandierten vor einem Vierteljahrhundert beim legendären Woodstock-Festival "No rain, no rain!" Geholfen hat's nicht allzuviel. Logisch, daß die rund 300 gestern abend in Siegen null Chance hatten. Mitte Juni und der Queckzilberpegel des Thermometers schaffte es gerade einmal auf schlappe 11 (in worten elf) Grad. Dunkle Wolken - prall gefüllt - drauten Richtung Oberes Schloß. Schade, schade, schade. Die Premiere des Siegener Sommerfestivals fiel - nein, nicht ins Wasser - sondern in die eher alte als ehrwürdige Stadtbühne.
       Statt vor der prächtigen Kuliese des Schloßhofes feingesponnene Klangteppiche zu weben, mußte die rund um den Globus be- und anerkannis Amsterdamer Folkgruppe "Flairck" ihren vollgepackten Instrumentenkoffer in die atmosphärtach gegen null tendierende Stadtbühne karren. Dort ließen die sechs Holländer/innen kurz nach haib neun doch noch die Sonne aufgehen.
       Ein musikalisches Hoch machte gich breit, wärmte die Herzen der begeisterten Zuhörer. Siegens bekanntlich den schönen Künsten zugetane Bürgermeisterin Hilde Fiedler "outets" sich in ihren wohltuend kurzen Eröffnungsworten als langjähriger "Flairck"-fan. Mit ihr - welche/r Politiker/in kann sich schon oft über hundertprozentige Zustimmung freunen? - hoffen jetzt alle auf besseres Wetter. Und - es soll gar nicht so schlecht aussehen.
       Folk stand rum Auftakt des überhaupt recht musiklastigen Festival-Programms auf dem Spielplan. Obwohl der Begriff Folk die Klänge der seit Ende der 70er Jahre aktiven Gruppe nur unzureichend umschreibt. Sie mixen die Klangpalette von westlicher und östlicher Folklore mit Blues und Jazz, einem Spritzer Rock 'n' Roll oder einer Prise Bach. Kurzum, sie schöpfen aus dem unermeßlich großen Universum der Klänge, Töne, Geräusche und Stimmen, fabrizieren eine Weltmusik, bei der auch die exotischen Zutaten nie zum reinen Selbstzweck verkommen.
       Rund 1300 Konzerte hat "Flairck" in Holland, Belgien, Deutschland, Japan, Griechenland, Amerika, Australien und wer weiß wo noch gegeben. Ihrem Ruf als ausgefuchste Live-Band machten die Holländer/innen in der Stadtbühne alle Ehre. Mal thront beim Flötensolo ein weißer Vogel auf der Haarpracht der Musikerin, dann malträtiert das Sextett mit souvenirverdächtigen Holzpantinen den krachenden Bühnenboden oder die Combo mimt die ganz harten Rocker. Und wenn eine Gitarrensaite reßt, dann ist das kein Grund, ein langes Gesicht zu ziehen. Solche Show-Gimmicks kann sich ungestraft nur der erlauben, der sein Handwerk ohne Wenn und Aber versteht.
       Die Damen und Herren von "Flairck" zum Beispiel können mit technischen Fahigheiten wuchern. Von meditativ bis tänzerisch mitreißend, skurril bis eingängig reicht die Bandbreite, solstische Glanznummern geraten - was nicht gerade die Regel ist - nie zum schleren Selbstzweck. Die "Schaut-her-wie-gut-ich-bin-Pose" bleibt außen vor. Alle Puzzleteile werden zu einem stimmigen Klangbild zusammengesetzt.
       Erik Vissers Finger tanzen und gleiten über das Griffbrett der Gitarre, lassen es aber manchmal richtig "krachen". Seine Schwester Annet könnte vermutlich sogar einem schnöden Gartenschlauch faszinierende Töne abringen. Sie beläßt es aber dabei, sich durch ein ganzes Flötenarsenal zu blasen. Cora den Haring "sägt" so eindrucksvoll öber ihr Cello, daß manches Ohr im Saal auf Blumenkohlblättergröße anwächzt. Akkordeonist Ben van den Berg ließ bei dem Stück "Chappel" ganze Orgelpfeifentürme jubilieren. Wer will da noch Seemannalleder hören? Schlagwerker Michel Grens kämpft sich ertolgreich durch einen vibrierend-lebendigen Percussions-Dschungel, und Bassmann Thomas Dirks läßt sein Rieseninstrument verdammt funky tanzen.
       Heute abend geht es beim Sommerfestival musikalisch weiter. "Les Ryth'miss", die "Meisterinnen der Percussion" aus Belgien, gerben dann die Felle. Morgen abend ist Klassisches der anderen Art angesagt. Das in Siegen bestens bekannte Theater König Alfons aus Freiburg öffnet den Vorhang für "Romeo und Julia". Los geht's um 20.30 Uhr im Scloßhof. Wenn die dunklen Wolken sich wieder bedrohlich zusammenballen, heißt das Ziel Weißtalhalle.